eLeW, ein Land eine Welt - Forum 1 und FAQ
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Thema: Heulen und Zähneknirschen wegen Kirchhof |
In unserem Aktuell-Blog darf ich heute polemisieren, dass mit den Reformen von Prof. Kirchhof die Reichen 3600% mehr Steuern zahlen müssen. Schaut euch das mal dort an (und kommentiert bitte auch dort).
Ich denke, in euren politischen Gesprächen könnt ihr damit verblüffen.
Alles Gute, Hans U. Scholz
Zuletzt bearbeitet: 06.03.06 09:50 von Administrator
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Ich nehme diesen Thread mal zum Anlass, ein bischen Diskussionsstoff zur Wirtschaftsthematik in die Runde zu werfen, da ich kuerzlich auf Grund des BLog-Artikels ueber Kirchhofs Steuerpläne folgende Ausfuehrung angefertigt habe.
Besonders beschäftigt haben mich in dem Artikel die beiden schliessenden Sätze:
„Produktivitätssteigerungen per Lohnerhöhung zur Hälfte abgeben, zum Beispiel. Und bei Lohnerhöhungen nicht Sparen, sondern sich was leisten, zum anderen Beispiel.“
Bei diesem Artikel drängt sich mir inhaltlich ein Nachfragebeduerfnis auf. „Produktivitätssteigerungen per Lohnerhöhung zur Hälfte abgeben“ hört sich sehr einfach an und einfach ist nie wirklich schlecht. Nur leider schwer zu realisieren, und zwar auf Grund der Unternehmermentalität. Zum Thema „Mentalität“ als Stolperstein fuer Wirtschaftstheoreme aller Art komme ich jetzt in aller Ausfuehrlichkeit, aber eher im Bezug auf den Satz: „nicht Sparen, sondern sich was leisten“. Dies ist eine ideologisch basale Umdenkens(!!)forderung, die in Deutschland nun mal nicht auf fruchtbaren Boden fällt.
Kurz etwas zur gedanklichen Flexibilität der Deutschen, wenn es um ihr Geld geht:
Grundsätzlich sollte man, um ideologische Flexibilität im Bezug auf Wirtschaft zu testen, bei Wirtschaftssystemen anfangen.
Faktisch ist die Freie Marktwirtschaft der Feind der Menschlichkeit, jedoch ist die Menschlichkeit selbst wiederum der Feind der Zentralverwaltungswirtschaft. Nur, wie soll einer sozialen Marktwirtschaft wie der unsrigen in der Praxis der Spagat zwischen optimaler Wirtschaftsentwicklung und optimaler Gerechtverteilung auf sozialer Ebene gelingen, wenn dies nichtmal auf dem Papier möglich ist? Die Problematik ist eindeutig, Wirtschaft und Menschlichkeit (Soziales) sind offensichtlich die beiden Knackpunkte, die es zu vereinen gälte. Die soziale Marktwirtschaft ist das Bastardkind einer ungewollten und unmenschlichen Freien Marktwirtschaft und einer dysfunktionellen – weil ueber-menschlichen – Zentralverwaltungswirtschaft. Sie ist ein Mittelweg, und Mittelwege sind immer Kompromisse, und Kompromisse sind immer Inkonsequent, und Inkonsequenz bedeutet immer: Einbußen.
Bedeutet also, wollte man eine funktionierende Wirtschaft aufbauen, bräuchte man entweder das eine oder das andere Extrem. Nun sind wir uns (hoffentlich) alle einig, dass man die freie Marktwirtschaft in ihrer idealtypisch-theoretischen Form inklusive ihres Nachtwächterstaates und ihrem Laissez-faire-Prinzip, sowie in ihrer praktischen Form mit monopolergen Großkonzernen, die ganze Staatsadministrationen mit ihrem Lobbyismus in unlösbarer Umgreifung halten, getrost aburteilen darf.
Nimmt man das gegenteilige System, steht man aber vor dem gegenteiligen Problem: in der Zentralverwaltungswirtschaft hängt eben alles von den Menschen, die in ihr leben, ab. Faktisch ist es aber so, dass ein planwirtschaftliches Zentralverwaltungssystem immer noch als Kommunismus, und dieser immer noch als „das große Uebel aus dem Osten“ in den Köpfen der Leute spukt. Diktatorische Willkuerherrschaft und Einschränkung des Individualismus sind immer noch als Begleiterscheinung einer jeden Planwirtschaft gesetzt.
Gedankliche Flexibilität eines Wirtschaftssubjektes wuerde nun an dieser Stelle ein Umdenken erfordern, das die Einsicht beinhaltet, dass eine Planwirtschaft tatsächlich funktionieren kann, wenn man sich von der Vorstellung des Bolschewistischen Sozialismus und des Maoismus löst und die Grundelemente der Wirtschaftsordnung im Bild, das man von einem zentralwirtschaftlichen System hat, insofern umordnet, als dass man sich einen modernes System vorstellt, das weitesgehend zentralisierte Koordinationsmechanismen fuer Produktions- und Verbrauchspläne vorsieht, sowie einer starken wirtschaftlichen Ordnungsfunktion des Staates (wohlgemerkt, WIRTSCHAFTLICH, nicht ideologisch), aber (und hier kommt nun auch die Loslösung vom bösen, bösen Marxismus) mit einer Eigentumsordnung, die von Kollektivbesitz weit entfernt ist und damit Sparen, Horten und Individualismus zulässt. Auch das Geld als Mittelsmann kann in eine Planwirtschaftsinnvoll eingebaut werden, um noch mehr Individualismus zu fördern. Aber, wie gesagt, Planwirtschaft ist ein kommunistisches Element, und der Kommunismus hat nicht nur versagt („warum, ist doch egal“), sondern er ist auch bitterböse und unmenschlich...warum? – Egal. Gleichgueltigkeit ist immer gut, sie verhindert, dass man zuviel denkt.
Soweit, so global. Spezieller beschäftigt mich nun folgendes:
Die setzt eLeW innerhalb der Grenzen unserer sozialen Marktwirtschaft offensichtlich auf ein nachfrageorientiertes Wirtschaftstheorem (wie aus dem Blog, wie auch aus Gesprächen mit eLeW Mitlgliedern ersichtlich), wie ja aus der Aussage „nicht Sparen, sondern sich was leisten“ abzulesen ist. Abgesehen davon, dass ein solches Theorem immer nur die basalsten der Wirtschaftszyklen abdeckt, ist es in Deutschland leider nicht praktikabel und daher eher fiktional als funktional. Die einfache Gleichung „Mehr Lohn = höhere Nachfrage“ funktioniert in Deutschland einfach nicht, das muss man sich doch endlich mal vor Augen fuehren. Dass der direkte Durchsatz einer Kaufkrafterhöhung auf die Investitionen auch nur annähernd 50% erreicht, ist schlichtweg utopisch und in erschreckendem Maße unrealistisch. Dass man einer schwächelnden Konjunktur mit Erhöhung der Kaufkraft entgegentritt ist angesichts der deutschen Mentalität ein schierer Wahnwitz. Sicherlich funktioniert das Theorem...theoretisch. Aber das tun der Kommunismus und mein Auto auch. In Deutschland hat sich nun mal seit Anfang der 70er Jahre eine Sparermentalität wortwörtlich eingebuergert, und die werden wir einfach nicht los. Es hilft nichts, den schönen Theorien hinterherzuweinen, Adaption ist gefragt. Und wenn diese von Buergerseite nicht möglich ist, ja dann muss sich halt derjenige, der die Buerger regieren will, anpassen.
Der Kommunismus hat sich mit Menschen als unpraktikabel erwiesen, auch wenn es eine superiore Theorie ist. Es gibt gierige, machthunrige, geltungsbeduerftige, schlechte Menschen und diese konnte man nicht ueberzeugen, sozial(-istisch) zu denken. Man hat sich damit abgefunden, und das fiel offensichtlich ja relativ leicht. Nun stellt sich heraus, dass es in Deutschland Menschen gibt, die gerne Sparen. WIESO versucht man also weiterhin, ihnen eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik zu oktroyieren, anstatt zu sagen „Ok, klappt nicht, versuchen wir es eben anders“? Die Bundesregierung hat diesen Schritt schon lange gemacht, die Union schon viel länger, und der Liberalismus sowieso. Wann ziehen die Gewerkschaften endlich nach? Es ist selbstverständlich eine sensationelle Sache, wuerde dieses Theorem funktionieren. Aber die Menschen darum zu bitten, ihre grundsätzliche Mentalität, mit Geld zu verfahren, als rationale Individuen im Sinne der Wirtschaft zu ändern ist leider fruc
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Hallo Jan,
schade, dass dieses Forum die Beiträge nach 8000 Zeichen immer kappt. Bitte weiter schreiben.
Wenn ich mit meinen Gedanken den Beitrag fortsetze, dann kommt am Ende heraus, dass die ganze eLeW vergeblich ist, weil in D das Volk am liebsten vorgekaute Sachen nachbetet, solange alles gut geht. Beispiel bin ich selbst. Erst mit der von vielen zerstörten Hoffnungen begleiteten Schröder-SPD-Politik kommt die Idee zu fragen, wie alles anders zu machen sei. Normalerweise wäre ich, klagend zwar, politisch inaktiv geblieben.
Ohne Jan vorzugreifen und zu antworten, hier geht es um den Versuch eine Deliberative_Demokratie zu befördern. Die eLeW bietet sich als basisdemokratische Plattform insbesondere auch dafür an, wenn jeder Bürger möglichst aktiv am politischen Prozess teilnimmt, den Bürger im emanzipatorischen Sinne 'anzupassen'. Soweit die Hoffnung.
Gespannt Jan, wie es weitergeht, huscholz
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Viel wurde garnicht verpasst ...
fruchtlos. Soziale Marktwirtschaft braucht Verbraucher. Wir Deutschen sind Sparer. Und um vom Sparer zum (fuer die nachfrageorientierte Wirtschaftstheorie ausreichenden) Verbraucher zu werden, braucht es weit mehr als Lohnerhöhungen.
Ist mir beim posten nicht aufgefallen, danke fuer den Hinweis und fuer's Lesen!
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"Die eLeW setzt..." muss es natuerlich im vorletzten Absatz heissen. Ich habe ihn kurz vor dem Posten geändert und nicht redigiert, entschuldigung dafuer.
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Soziale Marktwirtschaft braucht Verbraucher. Wir Deutschen sind Sparer. Und um vom Sparer zum (fuer die nachfrageorientierte Wirtschaftstheorie ausreichenden) Verbraucher zu werden, braucht es weit mehr als Lohnerhöhungen.
Der letzte Satz ist m. E. Jans Kernaussage, die in einem neuen thread (weg von Kirchhof) fortgesetzt werden sollte.
Bei soviel Mühe, mache ich sie mir auch. Ich habe mir übelegt, wie Mensch das Gespräch ins Internet bringen könnte. Die eLeW hat noch viele derartige Methoden zu entwickeln.
Im Gespräch wird der Sprechende unterbrochen und das gibt ein Hin- und Her der ausgesprochenen Gedanken. Dafür habe ich Jans Text in die erste Spalte einer Worddatei kopiert und mit Hilfe der Tabellenfunktion waagerechte Linien eingezogen. Die zweite Spalte ist von mir und alle weiteren sind für euch. Nun kann jederzeit nachträglich jeder Gedanke aufgegriffen werden.
Ich nenne das mal das eLeW-2D-Forum (wwagerecht und senkrecht).
Sehen könnt ihr das als Tabelle hier und mit Word laden und ausdrucken hier. Danke, wenn ihr Anregungen oder Inhalte liefert.
Alles Gute, Hans U. Scholz
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Kirchhof ist zum Glück überholt. Aber mit Ihrer (huscholz) Begeisterung über das "Kirchhof-Steuerkonzept" (Blog vom 3.9.05) verraten Sie Ihre ansonsten gut gepflegte soziale Linie. Kirchhof nützt nur den Reichen.
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Die "Begeisterung" für Kirchof im Blog gab es gleich dreimal:
Sofort als er auftauchte, quasi bedingungslos ergeben.
Dann zu einer Zeit, als die Kritik überhand nahm, quasi aus Trotz.
Und am Ende, als das Wahlvolk ihn ablehnte quasi aus Überzeugung.
Woher die Überzeugung?
Das ausufernde Geflecht von Steuergesetzen und -Erlassen ist im Prinzip einem positiven Motiv zu verdanken, der Suche nach Steuergerechtigkeit. Dazu werden Auusnahmesituationen mit Ausnahmen geregelt.
Leider pervertiert so etwas leicht zu einem undurchschaubaren Dschungel, in dem spezielle Regeln nur einer Schicht gerecht werden, den Vermögenden.
Bei uns gibt das der Finanzminister zu und erkennt gleichzeitig an, dass das nicht zu ändern ist. Quasi ein Gordischer Knoten.
Den Knoten löst Prof. Kirchhof. Die, die darunter leiden würden, haben die Medien fleißig genutzt, das zu verdrehen.
Kirchhof schadet den Reichen durch Verzicht auf eine pervertierbare Steuergerechtigkeit und Rückkehr zur praktikablen Steuergerechtigkeit, der der Vermögende nicht entwischen kann.
Alles Gute.
Zuletzt bearbeitet: 11.10.05 22:16 von Administrator
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Im aktuellen SPIEGEL Nr. 41 beschreibt Marc Hujer, Die verlohrene Ehre des Professors K., wie vier Wochen reichten, seine Ehre zu ruinieren.
Am Ende des Artikels steht: "Kirchhof geht an das Bücherregal in seinem Heidelberger Institut. Hier stehen Werke von ihm. Geschrieben und herausgegeben hat er rund 100 Titel. „Ein Wissenschaftler ist von seiner Zunft zur Transparenz verpflichtet“, sagt er, „alles, was er denkt und vorhat, hat er publiziert, das kann jeder nachvollziehen.“ Die Wahlschlappe, sagt er, werte er nicht als eine persönliche Niederlage. Er hat gerade ein neues Buch fertig gestellt, einen Sammelband staatsrechtlicher Schriften. „Als Politiker“, sagt er, „müssen Sie das Spiel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit betreiben: die eigenen Vorzüge in das Licht der allgemeinen Aufmerksamkeit stellen und die eigenen Schwächen im Dunkeln des Unbewussten belassen.“"
Schröder hat für die SPD mit Erfolg (und für das Land zum Schaden) diesen Mann verächtlich gemacht. Hätte er doch nicht über den Professor aus Heidelberg, sondern über den Studienrat aus Kassel (Hans Eichel) gelästert.
Die andere Partei, die eLeW, lehnt Politiker ab und wünscht sich als Volksvertreter die Besten des Landes.
Alles Gute, Hans U. Scholz
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Ist Politik nicht schmutzig? Schon lange! Da wird ein fähiger Mann von den Unfähigen fertig gemacht. Dieser Tage hat Paul Kirchhof den Deutschen Mittelstandspreis von der Verlagsgruppe "Markt intern" erhalten. Begründung: Kirchofs beherztes Eintreten für Redlichkeit im Steuerwesen. Eine Ohrfeige für die Unredlichen.
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