| Autor |
Thema: Pro Ethik oder Pro Reli |
Vor Jahren habe ich gerne das eLeW-Aktuell verfolgt. Jetzt sehe ich, dass da nichts mehr ist. Und im Forum sich auch außer huscholz nichts passiert.
Warum ist denn hier unter Volksbefragung nicht von Berlin und der Ethik die Rede, wo doch bundesweite Medien darüber berichten?
MfG,
A.K.
|
|
|
|
Das Thema und jede andere Aktion kann hier von allen ohne Registrierung reingestellt werden. Für mehr brauche ich als admin nicht zu sorgen. Dass ich dennoch Alleinunterhalter bin, wundert mich auch bei den hier täglich 100 und mehr Zugriffen.
Mein eLeW-Blickwinkel zum Thema, ich spreche nur für mich, ist auf die Menschenrechte, Artikel 18 gerichtet. Beide Seiten bei dieser Volksbefragung verletzen diese nicht.
Mein Demokratie-Blickwinkel sieht da eine Trübung. Demokratie funktioniert nur, wenn die Minderheit die Maßnahmen der Mehrheit mitträgt. Minderheitenschutz, bei dieser Gelegenheit erwähnt, gehört dabei zu Maßnahmen der Mehrheit. Die jetzige Situation mit dem Fach Ethik ab 7. Klasse ist von den Volksvertretern legal etabliert worden und baut auf Berliner Tradition seit 1948 auf. Warum jetzt eine Volksbefragung fällig ist, erschließt sich mir nicht vom Demokratieverständnis her. Das war's aber auch schon. Die Volksbefragung selbst ist ein Riesen-Demokratie-Maßnahmen-Erfolg.
Beim Flughafen Tempelhof ging es um Machtmißbrauch und Schaden am Volk. Nicht nur vom Ergebnis, sondern auch vom Ablauf her, war das m.E. eine Pleite. Der Ablauf ist diesmal schon besser, wenn auch m.E. das 1,6 Millionen teure Vorziehen auf einen frühen Extratermin schon wieder Machtmißbrauch ist.
Meine private Meinung ist, dass Bildung Not tut, Bildung von Herz und Verstand. Ethik als Fach ist eine bürokratische Verdrängung eines Dauerbildungsauftrages aus allen Schulfächern in ein Spezial-Randfach. Soll der Sportlehrer das verdeckte Foul trainieren wie ein Vereinstrainer oder Fairplay? Soll er das Recht des Stärkeren durchsetzen und bei Kritik daran auf Tafel und Kreide im Ethikunterricht verweisen? Soll Philosophie aus dem Deutschunterricht der höheren Klassen raus und Ordnung und Gemeinschaftsleben kein Thema in Ameisen-Biologie sein? Ist Ethik Ersatz auch für Sozialkunde, Gemeinschaftskunde oder wie auch immer Politische Bildung heißt? Wohl kaum. Ethik ist selbst von der Pausenaufsicht zu lehren, von allen Lehrern in allen Fächern allen Schülern gemeinsam.
Im Übrigen habe ich mich als Wahlhelfer gemeldet. Demokratie tut immer Not. 24/7-Demokratie.
|
|
Mir scheint, huscholz, Sie lenken ab. Da klingt die Klage an, dass Schule keine Erziehung leistet, etwa alle Erzieher sollten mal mehr zu (Grund-)Werten erziehen. Es geht aber um eine Entscheidung, z.B. Religion tut Not. Gehen nicht unsere christlichen Wurzeln und damit auch, abgesehen vom unchristlichen Verhalten, das Verständnis für die Menschenrechte verloren? Entscheidungen verlangen Stellungnahmen.
|
|
@Arnold Kmetsch: Was Sie ablenken nennen, ist aus meiner Sicht Offenhalten.
@ alle: Die Volksbefragung hat wegen der Gefahr, dass Pro-Reli auch Anti-Ethik bedeutet, und wogegen sich Pro-Reli verwehrt, den Titel gewechselt in Freie Wahl. Freie Wahl ist immer gut. Nur nicht für diejenigen, die (die Partei hat immer Recht) meinen, andere zu etwas zwingen zu müssen.
Nur sollte, meine Meinung, nicht gewählt werden zwischen zwei Sachen, Reli oder Ethik, wenn die egal wie neben-, hinter- oder übereinander gehören. Die Fächer Reli und Ethik sind verschieden und nie gegenseitiger Ersatz und nie ist Reli viel Ethik oder Ethik fast eine Religion.
Religion als Fach hält nicht das Versprechen, dass die Absolventen religiös werden. Aber wenn (aus gutem Grund wie vielleicht auch oben A. Kmetsch es sieht) Religion vom Grundgesetz in den Fächerkanon der Schule gesetzt wird, dann gehört das in ganz D da rein und die Kleinstaaterei beendet.
Also:
1. Nur wenn Religion nicht Privatsache ist, wird in Berlin, darum geht es ja auch, Integration erleichtert. Denn abgedrängte, der Aufsicht entzogene Religionsausbildung führt in die Abkapselung, auch bei und trotz verordneter Tafel-und-Kreide-Ethik.
2. Religion ist gerade bei völliger Trennung von Staat und Kirche keine Privatsache, insofern bei aller Freiheit, einer Religion anzuhängen und sie auszuüben, jeder zur Gesellschaft gehört und zu ihr beiträgt. Der auf uns immer stärker zukommende Moscheenbau allerorten ist ein Beispiel für gesellschaftliche Wirkung. Einbindung religiöser Gruppen tut Not.
3. Eine Pro-Ethik-Haltung als Ausdruck des Wunsches, Religion und damit Kirche per Reli-Verdrängung zu behindern (Berliner Mehrheitspolitik) und auch so endlich tot zu kriegen, ist Gesellschaft spaltend und daher indirekt auch gegen Demokratie. Ein schulischer Religionsunterricht mit staatlich geprüften Lehrern kann (schön wäre es) Gesellschaft und Demokratie fördern, besonders wenn Religion ein Lebens-Mittelpunkt ist.
4. Ethik sollte verankert bleiben in Philosphie-Kursen, Deutsch, Geschichte, Kunsterziehung, Bio- und Geografie, auch Sport und Pausenaufsicht, usw. Und gelebt werden in Politik und in der U-Bahn, unter anderem. Religion gehört in ein Fach und sollte gelebt werden.
5. Wenn Ethikunterricht (gemäß Schulbuch von Schöningh, ISBN 3506250000) Anthropologie, Natur und Mensch, Sich-an-Regeln-halten, das Schöne und Wahre, Recht- und Gerechtigkeit, Gewalt und Gewaltlosigkeit, Freiheit und Determination, Ethos der Weltreligionen, Verantwortung als Prinzip, Politische Verantwortung und schließlich Wirtschaft und Ethik quasi als Kapitel nebeneinander stellt, sieht jeder, dass Ethikunterricht nicht Reli ist. Wenn Mangel an der Vermittlung dieser Inhalte besteht, dann gehört das zu einem ordentlichen Fach aufgewertet. Berlin hat das jetzt ab 7. Klasse. Also, siehe mein erster Beitrag, zuerst Ethik fachfremd überall unterrichten, dann Reli im Stundenplan einbinden, dann Ethik fachspezifisch mit wissenschaftlich ausgebildeten Fachlehrern unterrichten. In ganz D ohne Kleinstaaterei im Sinne von mehr Demokratie.
|
|
Dann wird Ihnen ja gefallen, dass das Bündnis Pro Ethik das auch so sieht und die Kampagne "Pro Ethik plus Religon" nennt. Religion soll bleiben, uneingeschränkt freiwillig von Klasse 1 - 13. Und über Religion und Weltanschauung sollen gemeinsam alle Schüler in Ethik sich austauschen lernen. Ab Klasse 7. Mehr davon auf http://hpd.de/node/6505.
|
|
Die Berliner Zeitung, die meistens regierungsnah informiert ist und m. E. regierungs- und senatfreundlich berichtet, also m.E. Pro Ethik eingestellt ist, lässt heute einen Befürworter (Ja zu Pro Reli) zu Wort kommen: "Zivilisiert die Religion!" von Rolf Schieder. Da entnehme ich....
Zitat Schieder: "Religion war nie Privatsache, und sie wird auch in den kommenden Jahrzehnten weltweit ein öffentlicher Faktor bleiben."
Dagegen sagt der Berliner Senat, "Der Religions- und Weltanschauungsunterricht ist Sache der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften."
Dazu stellt das Berliner Verwaltungsgericht in seinem Urteil vom 20. August 2001 fest, dass "die Religionslehrer aus ihrer religiösen Überzeugung heraus punktuell von der Verfassung abweichende Standpunkte vertreten dürfen", denn es obliege "allein und ausschließlich der den Unterricht veranstaltenden Kirche, Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft zu bestimmen, welche religiösen und dazu in Beziehung stehenden Inhalte sie in welcher Form und mit welchen didaktischen Methoden zu vermitteln gedenkt."
Zitat Schieder zu Pro Ethik: "Die Gegner einer Reform des Paragrafen 13 schreckt die Vorstellung von einem potenziell verfassungswidrigen Religionsunterricht ohne jede staatliche Qualitätskontrolle nicht, denn sie glauben, dass der neu eingeführte Ethikunterricht imstande ist, die Probleme, die die zunehmende religiöse Pluralisierung in der Stadt erzeugt, zu kompensieren. Dabei übersehen sie aber, dass ethische Bildung eines, religiöse Bildung aber etwas anderes ist. Selbstverständlich ist es gut, wenn Ethiklehrkräfte den Kindern Kants kategorischen Imperativ und dessen Probleme beibringen können. Aber Ethiklehrkräfte sind schlicht überfordert, wenn sie Prozesse religiöser Bildung anleiten, begleiten und moderieren sollen. Der neue Gesetzentwurf, der zur Abstimmung steht, sieht die Kooperation von Ethik- und Religionsunterricht übrigens ausdrücklich vor.
Der Staat ist gut beraten, seine heranwachsenden Bürgerinnen und Bürger im sachgerechten Umgang mit Religion auf didaktisch hohem Niveau anzuleiten. Staatliche Verantwortungslosigkeit auf dem Feld der religiösen Bildung ist genauso gefährlich wie es der Rückzug des Staates aus der Regulierung globaler Finanzmärkte war. Religionspolitisch weitsichtige Religionskritiker stimmen deshalb am 26. April 2009 für die Reform des Paragrafen 13."
Etwas wird m. E. auch übersehen, weshalb ich Ethik als Substanz in fast allen Schulfächern stärken möchte: Mit der Einführung des Faches Ethik hat der Senat populistisch per Schnellschuss auf den tragischen Ehrenmord an Hatun Sürücü, die mit 23 Jahren von ihrem Bruder am 7.2.2005 in Berlin-Tempelhof erschossen wurde, reagiert. Der Fehler dabei ist beim Fach Ethik, dass nichts erreicht wird, die Politiker aber dem Fach eine Alibifunktion zuweisen können, als hätten sie sich um Integration und Jugendproblematik gekümmert. Abschieben und Wegsehen ist keine gestalterische Politik.
Eine siegreiche Volksabstimmung kann aus dem Irrweg des Senats aus dem Spezialfach Ethik ein Ersatzfach machen für alle die keinen Religionsunterricht haben.
Bei allem Verständnis für die Gegenposition, zum Beispiel sehen viele bei Religion nur noch rot und schalten sofort auf Kulturkampf, oder bestehen darauf, sich mit Religion der gesellschaftlichen Kontrolle entziehen zu können, es gibt keine Grundlage für ein Nein zu Pro Reli, denn Religionsfreiheit ist von allen als Menschenrecht hoch zu halten und Bildung, auch religiöse ist staatliche Aufgabe. Mit Pro Reli sehe ich da sogar einen Auftrag zur Rückentwicklung von konfessionellen Privatschulen zu öffentlichen Schulen. Gegen den m. E. bedauerlichen Trend der Zunahme der Privaten.
|
|
|
|
|